Flugzeugsitze – von der „Holzklasse“ bis zur High-Tech-Schlafcouch
Mit der Entwicklung der ersten Passagierflugzeuge (ca. 1911) und den späteren Verkehrsflugzeugen wurde auch die Bestuhlung der Passagierkabine notwendig. Die Ausführungen reichten vom einfach getischlerten Stuhl über segeltuchbespannte Rohrgestänge bis zur leder- oder gar seidenbezogenen Couch.
Den Sitzkonstrukteuren gelingt es mit immer raffinierteren Design- und Ingenieurskunststücken, den Sitzkomfort, zumindest in Langstreckenflugzeugen, stetig zu steigern. Eine immer größer werdende Anzahl der Fluggäste kommt somit in den Genuss, angenehm zurückgelehnt zu sitzen oder vollständig ausgestreckt zu liegen, um so entspannt und ausgeruht wie möglich am Zielort anzukommen. Es ist ja nicht bloß ein geflügeltes Wort, das da besagt, dass im Schlaf die Zeit wie im Fluge vergeht.
Passagiersitze in modernen Flugzeugen
Es ist kein Geheimnis, dass es bei der Aufteilung der Passagierkabine in den meisten Verkehrsflugzeugen eine Mehrklassengesellschaft gibt. Für die Klassen gibt es international keine einheitlichen Benennungen. Am geläufigsten sind jedoch, im Folgenden in der Wertigkeit ansteigend genannt, die Economy-, die Business- und die First-Class. Sie unterscheiden sich erheblich durch den gebotenen Komfort und der sogenannten Inflightentertainment-Ausstattung. Bestimmt werden diese Faktoren durch die individuellen Ansprüche der Fluggäste, die damit einhergehende Nachfrage nach mehr oder weniger Komfort und dadurch, auf welchen Flugstrecken und von welcher Fluggesellschaft das Flugzeug eingesetzt wird. Allgemein scheint zu gelten:
Da mit dem Komfort auch der Raumbedarf des Interieurs steigt, sehen sich die Fluggesellschaften bei der Innenausstattung der Herausforderung gegenübergestellt, einen Kompromiss zwischen der größtmöglichen Auslastung der Flugzeuge und der allgemeinen Zufriedenheit der Passagiere zu schaffen. Die Konstrukteure sind folglich gefordert, den Innenausbau so zu gestalten, dass den Fluggesellschaften eine Flexibilität in der Bestuhlung ihrer Flugzeuge verbleibt.
Als Beispiel hierfür soll ein Lufthansa Airbus der 340-300 Flotte dienen. Im Rahmen eines "Quickchange" kann bei der Lufthansa Technik in Frankfurt/FFM innerhalb von 4 Stunden die Bestuhlung von 48 Business- und 166 Economy- auf 36 Business- und 197 Economy-Class-Sitze gewechselt werden. Eine Erhöhung der Gesamtsitzzahl um 19 Sitze oder beinahe 9%. Dies ist nicht mit 9% Mehreinnahmen für die Fluggesellschaft gleichzusetzen, da das Business-Class-Ticket erheblich teurer verkauft werden könnte und 19 zusätzliche Passagiere, plus deren Gepäck, mehr Gewicht und somit mehr Treibstoffverbrauch bedeuten. Die kontinuierliche Beobachtung und statistische Erfassung des Passagierluftverkehrs bestätigt jedoch die Rentabilität solcher Umbestuhlungsmaßnahmen und Möglichkeiten. Außerdem ist eine große Anzahl potentieller Business-Class-Passagiere letztendlich froh darüber, überhaupt noch einen Platz in der für sie terminlich adäquaten Maschine zu bekommen, auch wenn das dann für ein paar Stunden "Holzklasse" (Economy) bedeutet.
Hat man es sich in der Economy-Class "bequem" gemacht, sucht man auf Kurzstrecken meistens vergeblich nach Inflightentertainment. Dafür finden zumeist die Knie des Passagiers ab ca. 185cm Körpergröße in vielen Flugzeugen, das gilt häufig, aber nicht ausschließlich, für Flugzeuge der sogenannten Billigairlines, sofort die Rückenlehne des Sitzes vor ihm. Scheuerstellen auf der Hose und/oder wunde Knie sind nicht selten die Folge. Auf Mittel- und Langstrecken haben die Fluggesellschaften mehr Erbarmen und gewähren größere Beinfreiheit sowie Audioanschlüsse und Bedieneinheiten für die Unterhaltungselektronik.
Die beiden Klassen Business und Economy werden lediglich durch einen Vorhang oder ähnliches getrennt. Zur Seite und im Beinbereich erhält der Business-Fluggast mehr Freiheit, indem der nächste Sitz freibleibt oder eine tischähnliche Ablagefläche aufgesetzt wird. Auf Mittel- oder Langstrecken wird die Bestuhlung schon deutlich bequemer. Zumeist handelt es sich um einzelne Sitzeinheiten, die großzügige Beinfreiheit bieten. Mit einer Fernbedienung werden neben Inflightentertainment auch die Stellmotoren des Sitzes bedient. Die meisten Sitze der Business-Class lassen sich damit von der normalen Sitzposition bis zu einer horizontalen Liegefläche fahren. Die gesamte Elektronik der Sitze ist heutzutage computergesteuert. Fehler werden registriert und aufgezeichnet, wodurch eine Störbehebung wesentlich erleichtert wird. Sollte es im Flug zu einer Fehlfunktion kommen, kann das Bordpersonal mit Hilfe von Notfunktionsschaltern den Sitz wieder in die für die Landung vorgeschriebene aufrechte Position fahren.
Die Ausstattung der First-Class setzt der Fantasie keine Grenzen. Neben der Verarbeitung edelster Materialien, bleiben in Sachen Komfort keine Wünsche offen. Zusätzlich zu den sehr bequemen Sitzmöbeln, die sich in nahezu vollwertige Betten verwandeln lassen, wird dem Fluggast durch geschickte Raumaufteilung und Sichtschutz eine Privatsphäre geboten, die von manchen Fluggesellschaften nur noch durch gänzlich abgetrennte Räumlichkeiten für den VIP (Very Important „Passagier“) übertroffen wird.
Pilotensitze in modernen Flugzeugen
Die Pilotensitze sind so konstruiert, dass jeder Nutzer eine Sitzposition findet, die seiner Anatomie entspricht. Die Sitze müssen also mindestens höhen- und längsverstellbar sein. Zusätzlich bieten viele Sitze die Verstellmöglichkeit der Sitzflächenneigung, des Rückenlehnenwinkels zur Sitzfläche und der Armlehnen.
Neben der konventionellen Sitzverstellung mittels Hand- und Federkraft halten auch hier vermehrt die elektrischen "Helferlein" Einzug. So ist es heute durchaus üblich, dass die Position der Sitzelemente auf einem Bedienpanel vorgewählt wird.
Die individuelle Anpassung ist von großer Bedeutung, da sich jede Pilotin oder jeder Pilot ganz bestimmte, mit der Zeit geradezu automatisierte, Bewegungsmuster zur Bedienung und Handhabung der Flugzeugsteuerung sowie des Cockpitinstrumentariums antrainiert. In Notfallsituationen müssten die erforderlichen Handgriffe auch bei völliger Dunkelheit durchgeführt werden können. Da ist eine stets gleiche Sitzposition sehr hilfreich. Vergleichen Sie das ruhig mit einem Schlagzeugspieler, der an einem fremden Schlagzeug, in einer ihm nicht vertrauten Sitzhaltung mit Sicherheit nicht die musikalische Leistung erzielt, wie an seinem eigenen Instrument.
Auch die Blickwinkel und eine möglichst ungehinderte Sicht durch die Cockpitscheiben, sind für die Luftfahrzeugbesatzungen wichtige Faktoren zum sicheren Führen eines Flugzeuges. Zum Beispiel für die Annäherung an ein Flughafengebäude, das Befolgen der gelben Leitlinien auf den Rollwegen und nicht zuletzt für das Abschätzen der Restflughöhe vor dem Aufsetzen auf der Landebahn haben die Piloten ihre ganz eigenen Referenzen, die natürlich im direkten Zusammenhang mit ihrer Sitzposition stehen.
Um die Einhaltung einer stets gleichen Sitzposition zu erleichtern, gibt es für die verschiedenen Verstellmöglichkeiten Markierungen und Rastungen, deren Kombination sich die Piloten merken und in einem anderen Flugzeug des gleichen Musters einstellen können.
LHT Seat-Shop HAM
(Sitzüberholung und Wartung bei der Lufthansa Technik, Hamburg)
Im Seat-Shop der LHT in Hamburg werden sowohl Piloten- als auch Passagiersitze gewartet und überholt. Dazu gehören deren Reinigung, Inspektion, Reparatur etc.
Wenn ein Pilotensitz zu Wartungszwecken ausgebaut werden muss, wird er bei vielen Flugzeugmustern durch ein Schiebefenster der Cockpitscheiben transportiert, da die Zugangstür zum Cockpit oftmals zu schmal ist. Nicht immer steht das Flugzeug in der Halle, sodass ein Sitz gelegentlich auch mit Hilfe von Hubwagen auf dem Vorfeld getauscht werden muss. Egal, bei welchen Wetterbedingungen und Tageszeiten. Im Seat-Shop wird der Sitz dann demontiert, inspiziert, repariert, fehlerhafte Teile ausgetauscht etc. Nachdem der Sitz wieder komplettiert und im Flugzeug eingebaut wurde, zeigt sich, ob der Seat-Shop gut gearbeitet hat. Sind die einzelnen Sitzelemente korrekt miteinander verbunden, der Sitz auf den Sitzschienen im Flugzeug den technischen Anweisungen entsprechend befestigt und die gesamte Einheit kalibriert, sollten die Piloten nach der Einstellung ihrer persönlichen Sitzposition kaum Abweichungen von einem zum anderen Flugzeug feststellen können.
Die Passagiersitze werden nur ausgebaut, wenn Defekte vorliegen, die nicht im Flugzeug behoben werden können. Das ist zum Beispiel bei Sitzschalen von elektrisch verstellbaren Sitzen der Fall, wenn sie durch eingeklemmte Gepäckstücke oder Sicherheitsgurte im Schwenkbereich der Lehne mechanisch zerstört wurden, obwohl sich dort ein aufgeklebter Warnhinweis befindet,.
Die Sitzbezüge und die kompletten Kopfstützen werden im Flugzeug von den Sitzen genommen. Im Seat-Shop trennen die LHT-Mitarbeiter die Kopfstützenbezüge von der Polsterung. Die Bezüge werden in großen Plastiksäcken gesammelt und an Spezialfirmen zur Reinigung übergeben. Neben dem Reinigen, erhalten sie eine chemische Behandlung, die einen zusätzlichen Flammschutz bietet. Die Sitz- und Liegevorrichtungen für Kleinstkinder bzw. Säuglinge werden gesondert gereinigt, da man deren empfindliche Haut den o. g. Chemikalien vorsichtshalber nicht aussetzen möchte. Zurück aus der Reinigung erfolgt die Montage der Kopfstützenbezüge. Die Kopfstützen und die Sitzbezüge werden anschließend im Flugzeug an den einzelnen Sitzen befestigt.
Sollte es notwendig sein, einmal im Flug einen Bezug tauschen zu müssen, befinden sich immer ein paar Reservebezüge an Bord.
Conclusio
Wie in allen Bereichen der Luftfahrt, macht der technische Fortschritt auch vor der Bestuhlung keinen Halt. Werfen Sie bei Ihrem nächsten Flug mal einen intensiveren Blick auf Ihren Sitz. Sie werden erstaunt sein, wie komplex und innovativ die heutigen Sitzkonstruktionen sind.
Text: Dirk Roschinski
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