LH400 – Eine Flugnummer im Wandel der Zeit
Flughafen Frankfurt am Main, es ist Freitagmorgen 09:45 Uhr. Die Boeing 747-400 der Lufthansa mit dem Namen „Kiel“ steht an Gate C15, während wir uns im Warteraum des Terminal 1, zusammen mit den anderen Passagieren des Fluges LH400 von Frankfurt nach New York, zum Boarding bereit machen. Nach exakt durchgeplantem Schema füllt sich der gigantische Jumbojet mit seinen maximal 352 Passagieren, um genau 8 Stunden und 15 Minuten später, gut 6.000 km weiter westlich, auf dem New Yorker Flughafen John F. Kennedy zu landen.
Eine Armada an verschiedenen Bodenfahrzeugen - vom Tankwagen bis zum Bordverpflegungswagen – steht dicht nebeneinander, um in dem eng gesteckten Zeitfenster den Flug vorzubereiten. Unzählige Abläufe im Hintergrund sind nötig, um diesen täglich stattfindenden Flug durchzuführen. Der Passagier merkt indes nicht viel von den Vorbereitungen.
Längst ist Fliegen für unsere Gesellschaft selbstverständlich geworden. Für fast jeden erschwinglich, werden Flüge zu hunderten von Zielen angeboten. Wer ein Flugzeug zum ersten Mal besteigt, spürt meist ein aufgeregtes Kribbeln im Bauch. Wenn sich das riesige Flugzeug dann schließlich vom Boden löst, erlebt man ein ganz außergewöhnliches Gefühl. Scheinbar ohne großen Aufwand durchkreuzen täglich tausende Flugzeuge unseren Himmel. Fliegen ist für uns also etwas ganz Normales geworden. Es gehört untrennbar in unsere moderne Welt und bietet uns die Möglichkeit, fast jeden Punkt auf der Erde schnell und sicher zu erreichen. Während wir mit annähernder Schallgeschwindigkeit unserem Ziel entgegenfliegen, lassen wir uns an Bord verwöhnen und verkürzen uns die Zeit mit aktuellen Filmen oder dem Lesen der neuesten Zeitung. Zwischendurch blicken wir aus dem Fenster, während die Welt unter uns vorbeizieht. Bei längeren Flügen wird üblicherweise noch eine Mahlzeit serviert und wir erhalten die Möglichkeit, beim Bordverkauf günstig einzukaufen oder den Daheimgebliebenen ein Souvenir von unserer Reise mitzubringen.
So selbstverständlich uns diese Vorstellung heute erscheint, so unfassbar war sie noch vor einem halben Jahrhundert.
In den Anfangstagen der Fluggesellschaften, genauer genommen im Jahre 1955, nahm die neu gegründete Lufthansa unter der Flugnummer LH400 den Flug von Hamburg nach New York auf. Mit einer L1049G Super Constellation des amerikanischen Herstellers Lockheed bot man auf der Route maximal 80 Passagieren Platz, um den Atlantik zu überqueren. Das viermotorige Propellerflugzeug wurde von einer neun Mann starken Cockpitbesatzung geflogen: Pilot, Co-Pilot, Flugingenieur, Navigator und oft noch Ersatzcrews bei langen Flügen teilten sich den engen Platz im Cockpit. Unzählige Schalter und Knöpfe, Anzeigen und Hebel verlangten der Besatzung einiges ab. Automatisch lief wenig, das meiste war noch wahre Handarbeit. Drei Stewardessen kümmerten sich unterdessen um das Wohlbefinden der Fluggäste.
Zu dieser Zeit war das Reisen in einem Flugzeug fast ausschließlich sehr wohlhabenden Personen vorbehalten, war ein Flug damals doch gut drei Mal so teuer wie heutzutage – und damit für die meisten Menschen unerschwinglich.
Bei LH400 handelte es sich übrigens keinesfalls um eine Direktverbindung von Hamburg nach New York. Der Flug startete vom Flughafen der Hansestadt und landete in Düsseldorf und Frankfurt zwischen. Im Anschluss ging es weiter zum Auftanken nach Shannon an der irischen Westküste, um schließlich den weiten Flug über den Atlantik anzutreten. Trafen die Piloten auf eine gute Wetterlage mit günstigen Winden, flogen sie von Shannon nonstop bis New York, dessen internationaler Flughafen damals noch „Idlewild“ hieß. Gab es Gegenwinde, reichte der Treibstoff hierfür nicht aus und es wurde eine weitere Zwischenlandung zum Nachtanken in der kanadischen Stadt Gander eingeplant. Die Flugzeit betrug in der Regel über zwanzig Stunden vom Start in Hamburg bis zur Landung in New York. Verglichen mit der heute auf der Route eingesetzten Boeing 747-400, dem „Jumbojet“, erreichte die Super Constellation gerade einmal die Hälfte der Reisegeschwindigkeit und überquerte den Atlantik mit etwa 480 km/h. Der fast doppelt so große Jumbo schafft dies mit ca. 910 Stundenkilometern und ohne Zwischenlandung. Doch in der Technik liegt nicht der einzige Unterschied zu der heutigen Form des Fliegens.
Beluga-Kaviar und Gänseleber
An mediale Bordunterhaltung war damals noch nicht zu denken. Es herrschte meist eine familiäre, ausgelassene Stimmung an Bord der Flugzeuge. Der Flug galt nicht nur als großes Abenteuer, er strahlte auch eine ungeheure Anziehungskraft auf die Menschen aus. Es war etwas ganz Besonderes, daran teilhaben zu dürfen, diesen unfassbaren Luxus zu erleben. Auf dem Speiseplan standen unzählige frisch zubereitete Köstlichkeiten. Angefangen von Beluga-Kaviar über exotische Früchte und Hummer, bis hin zu Gänseleber und frischem Lachs. Dazu wurden Cocktails, erlesene Weine und andere Getränke serviert. Selbst teure Zigarren und internationale Zigarettensorten wurden von den Stewardessen auf Wunsch gereicht, ein Rauchverbot an Bord gab es noch nicht. Während heutzutage selbst Interkontinentalflüge finanziell leistbar geworden sind, war das Fliegen in der damaligen Zeit noch etwas sehr Elitäres. So kam es auch, dass diese Art des Reisens zu Beginn nur berühmten Persönlichkeiten oder sehr reichen Bevölkerungsschichten vorbehalten war.
Statt Unterhaltungsprogramm an Bord gab es oft ausgiebige Gespräche zwischen den Passagieren und der Besatzung. Die Stewardessen mussten in der Lage sein, jeden Fluggast mit Namen anzusprechen und ihm seine Wünsche sozusagen von den Lippen abzulesen. Gerade deshalb pflegten viele Reisende eine freundschaftliche Beziehung zu dem Bordpersonal und häufig erhielt die Besatzung anschließend sogar private Einladungen von den gut betuchten Passagieren. Als Fluggast nahm man viel direkter am eigentlichen Flug teil. Es lagen Abenteuer und Nervenkitzel in der Luft. Wer nach einem Flug wieder nach Hause zurückkehrte und den Menschen von seinen Erlebnissen berichtete, hatte schnell viele faszinierte Leute um sich, die mit offenem Mund und großen Augen die Berichte hören wollten. Statt einem Mitbringsel aus dem Bordverkauf gab es spannende, hochinteressante Geschichten von der Flugreise.
Vorbei sind auch die Zeiten, in denen die Besatzung wochenlange Aufenthalte in noblen Hotels vor Ort genießen konnte, bis sie ihren Rückflug antrat.
Schneller, weiter, größer
Mit dem technischen Fortschritt kam auch der Wandel an Bord. Neuere Flugzeuge wurden entwickelt und schafften die Strecke in einem Bruchteil der Flugzeit - ohne lästige Zwischenstopps. Schneller, weiter, größer lautete fortan die Devise und so kam es, dass wir heute an Bord der Boeing 747-400 von Frankfurt nach New York sitzen. Zusammen mit 350 anderen Passagieren werden wir gut acht Stunden nach dem Start ausgeruht in New York ankommen. Mit Abenteuer hat das im eigentlichen Sinne nicht mehr viel zu tun. Im Hightech-Cockpit sitzen noch zwei Piloten. Deren Aufgabe besteht zu einem Großteil in der Überwachung und Bedienung der hochentwickelten Technik. Vieles ist automatisiert und spart somit nicht nur Zeit, sondern auch die Konzentration der Piloten. Höherer Flugkomfort und ein Plus an Sicherheit ist das Ergebnis dieser Entwicklung. 15 Flugbegleiter und Flugbegleiterinnen sorgen für die Passagiere und garantieren einen reibungslosen Ablauf des Fluges. Nach dem Start begrüßt uns der Pilot über die Lautsprecher und informiert uns über den Verlauf unserer Reise. Etwa anderthalb Stunden nach dem Start wird das Essen serviert. Auch hier gibt es eine erhebliche Vereinfachung im Vergleich zu früher. Während damals oft noch eigene Köche das Essen an Bord frisch zubereiteten, wird dies heute am Boden zubereitet und im Flugzeug aufgewärmt. Während des Fluges bekommen wir mehrmals die Möglichkeit, uns mit diversen Getränken und heißen Tüchern zu erfrischen. Zwar geht es an Bord nicht mehr so persönlich zu wie in den Anfangstagen, doch die Zeit vergeht mit attraktiven Unterhaltungsangeboten sehr schnell. Bequem von unserem komfortablen Sitz aus können wir Kinofilme im kleinen Bildschirm vor uns aufrufen, dem Bordradio zuhören, die Flugroute auf einer digitalen Weltkarte verfolgen oder uns anderweitig beschäftigen. Im Sitz unseres Vordermannes steckt somit fast mehr Elektronik als vor 50 Jahren im gesamten Flugzeug. So vergeht die Zeit sprichwörtlich wie im Fluge und schon bald befinden wir uns im Landeanflug auf New York. Der Pilot meldet sich noch einmal über die Lautsprecher und gibt uns Informationen zum Wetter und zur Landung. Aufgrund des enormen Verkehrsaufkommens im New Yorker Luftraum fliegt unsere Boeing 747 noch eine Warteschleife, ehe sie sanft und majestätisch auf dem New Yorker Flughafen John F. Kennedy aufsetzt und schließlich am Gate ankommt. Erholt verlassen wir das Flugzeug über die großen Fluggastbrücken und widmen uns bald ganz unserem Aufenthalt in der Millionenmetropole. Für die Crew des Flugzeugs beginnt nur ein vergleichsweise kurzer Aufenthalt in New York. Unser Jumbojet wird, noch während wir das Flugzeug verlassen, wieder für seinen Rückflug startklar gemacht.
Vom Abenteuer zur Sicherheit
Ein wenig sind Glamour und Pioniergeist, die sich in den Anfängen der Fliegerei manifestiert haben, im Laufe der Jahre in den Hintergrund geraten. An deren Stelle steht heute jedoch eine neue Form von Komfort, Sicherheit und Mobilität.
Schier endlose Ozeane stellen heute keine Grenzen mehr dar, in 20 Stunden gelangen wir von einem Ende der Welt zum anderen. Heutzutage ist das Reisen über den Wolken natürlich nicht mehr mit dem einstigen Abenteuer Luftfahrt zu vergleichen. Das Flugzeug ist ein zuverlässiges, komfortables und sicheres Transportmittel geworden, das unsere heutige Welt zusammenhält und den Globus ein Stückchen kleiner werden lässt. Das heißt allerdings nicht, dass das Fliegen uns nicht nach wie vor faszinieren kann…
Text: Maximilian von der Hagen
Fotos: Deutsche Lufthansa AG
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