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Replika Bleriot XI

Das Flugzeug, das die Welt veränderte

Keine Lenkung, keine Bremsen und ein Flügelprofil, das für ein eigenwilliges Flugverhalten sorgt: Beinahe so ursprünglich wie der Luftfahrtpionier Louis Blériot vor 100 Jahren, fliegt Pascal Kremer heute. Seine Mission: Luftfahrtgeschichte lebendig halten.

Ein 100 Jahre altes Flugzeug wie die Bleriot XI nachzubauen, ist ein stetiger Kampf mit dem inneren Schweinehund. Aller Liebe zum historischen Detail zum Trotz hängt Pascal Kremer als Pilot des 21. Jahrhunderts irgendwie auch an seinem Leben. Kein Wunder, arbeitet der 36-jährige Luxemburger doch als Sicherheitsoffizier und Pilotenausbilder für eine große europäische Fluggesellschaft.

Rückblende: Es war bei einem Besuch im Luftfahrtmuseum am Flughafen Le Bourget in Paris, als der damals 15-jährige Pascal den Eindecker, mit dem der Franzose Louis Blériot am 25. Juli 1909 als erster Mensch den Ärmelkanal überflog, für immer in sein Herz schloss. 20 Jahre später besucht Kremer im Sommer 2008 ein großes Fliegertreffen in den Vereinigten Staaten. Er will sich dort ein Flugzeug kaufen: „Ich wollte etwas Individuelles. Die Bleriot hatte ich bei meiner Suche im Hinterkopf.“

Wie es der Zufall will, stolpert Kremer über einen Nachbau der Bleriot XI in 75 Prozent der Größe des Originals und lernt dessen Erbauer Robert Baslee kennen. Er ist sofort Feuer und Flamme, spricht den Amerikaner an und redet direkt Tacheles: „Ich habe Robert gleich gesagt, dass mir die Maschine so nicht gefällt und dass ich sie in der Originalgröße haben und damit im nächsten Jahr über den Kanal fliegen will.“ Baslee erklärt dem Europäer, dass dann einige Modifikationen nötig wären, er aber bereit sei, das Projekt gemeinsam anzugehen. Gebaut wird in den USA, von wo aus das Flugzeug nach der Fertigstellung in die alte Welt verschifft werden soll. 99 Jahre nach dem ersten Kanalflug beginnt damit wieder ein Blériot-Abenteuer.

Originalgetreu bis auf überlebenswichtige Kompromisse

Pascal Kremer kennt das Original bis zur letzten Schraube, weil er seit drei Jahren für ein Buch recherchiert, dass er über den Eindecker schreibt: „In unserem Team bin ich für die historische Akkuratesse zuständig.“ Der Amerikaner, der Flugzeuge aus dem Ersten Weltkrieg nachbaut und als Bausatz verkauft, kümmert sich um den technischen Part. „Während des Baus mussten wir viele Entscheidungen über Veränderungen treffen, und ich habe häufig und lange mit Robert diskutiert“, erinnert sich Kremer. Die beiden einigen sich darauf, dass der Nachbau dem Original zumindest optisch in nichts nachstehen soll – überlebenswichtige Kompromisse wird es aber bei der Technik geben.

Weil die Blériot XI keine Bremse hat, wird anstelle eines Spornrades am Heck eine Gleitkufe aus Holz montiert. „Das entspricht dann nicht der Originalversion von 1909, aber immerhin dem Nachfolgemodell von 1910“, erklärt Kremer. „Die Kufe bietet beim Ausrollen nach der Landung zwar nur einen geringen Widerstand, die Bremswirkung ist aber immer noch größer als bei einem Rad“, fügt er hinzu. In der Luft wird nicht mehr gelenkt wie früher, als mit einem Teil der heute noch zur Stabilisierung und Befestigung vorhandenen Verspannungsdrähte der ganze Flügel verwunden wurde. Wie bei einem modernen Flugzeug übernehmen jetzt Klappen diese Aufgabe. Der Rahmen der Bleriot wurde vor 100 Jahren aus Holz gefertigt. „Die Stahlrohre, die verbaut wurden, strichen wir so an, dass sie selbst von Nahem noch wie Holz aussehen“, betont Kremer. Nicht lange diskutiert wurde über die notwendigen Änderungen bei der Aerodynamik des Höhenleitwerks, weil die Version von Louis Blériot das Flugzeug in den Sturzflug bringen konnte.

Da war es schon schwieriger, sich auf das Profil der Tragflächen zu einigen. „Robert wollte ein modernes Flügelprofil. Ich finde, dass das nicht gut aussieht und nicht originalgetreu genug ist“, erinnert sich Pascal Kremer. Also nehmen sie die stark gekrümmten Flügel von damals, die allerdings auch beim Flugverhalten dafür sorgen, dass die Bleriot XI dicht am Original mit seinen Ecken und Kanten bleibt. „Beim Start gibt es zum Beispiel einen Moment, in dem der Pilot genau das Gegenteil von dem tun muss, was er in modernen Flugzeugen gelernt hat“, erklärt Pascal Kremer. Solche Eigenheiten können Otto-Normal-Piloten ganz gehörig aus dem Konzept bringen.

Wenn das Flugverhalten ungewohnt und anspruchsvoll ist, ist es umso wichtiger, sich auf den Antrieb verlassen zu können. Statt eines 25 PS Motors treibt laut Kremer jetzt ein 110 PS starker 7-Zylinder Sternmotor den nachgebauten Veteranen an: „Optisch kommt er dem Original am nächsten.“ Außerdem bringt er definitiv etwas vom damaligen Pioniergeist rüber: „Bei einem Sternmotor spritzt Dir immer etwas Öl ins Gesicht.“ Genau wie einst bei Louis Blériot, der nach der Landung mit Rizinusöl besprenkelt war.

Unterwegs als Rocker der Lüfte

Hinter dem Öl speienden Sternmotor sitzend, bekleidet mit Lederjacke, Käppi und Fliegerbrille, mutiert Pascal Kremer zum „Rocker der Lüfte“. In einer Höhe von 300 Metern bummelt er gemütlich mit 90 km/h rund um seinen französischen Heimatplatz in Verdun, der 120 Kilometer von Luxemburg entfernt ist.

Auf die Franzosen nicht so gut zu sprechen war Kremer, als sie ihm zusammen mit zwei weiteren ausländischen Piloten am 25. Juli – dem 100. Jahrestag des Pionierflugs - den Gruppenstart verweigerten. „Schlechtes Wetter“ war die offizielle Begründung. Zwei Bleriots des Franzosen Edmond Salis konnten trotzdem starten und wurden nach der Landung auf einem Rugby-Feld von tausenden Besuchern bejubelt. Für den Luxemburger ist das jedoch kein Grund aufzugeben. Er wird nächstes Jahr einen neuen Anlauf unternehmen.

„Mit seinem Flug hat Blériot ja auch irgendwie die Welt verändert“, sagt Kremer über seine Motivation, Luftfahrtgeschichte lebendig zu halten. „Die Leute wissen doch heute oft nicht mehr, wie ein Flugzeug funktioniert und wo es her kommt. Die Luftfahrtpioniere erfüllten der Menschheit einen Jahrhunderte alten Traum.“

Piloten, die das Blériot-Abenteuer einmal selbst wagen möchten, können bei dem in Holden im US-Bundesstaat Missouri beheimateten Unternehmen Airdrome Airplanes von Robert Baslee einen Bausatz bestellen. Gemeinsam mit dem Profi stellte Pascal Kremer die Werknummer 001 in der für Selbstbauprojekte sehr kurzen Zeit von nur zwei Monaten her. Der Anschaffungspreis liegt bei 12.000 Dollar zuzüglich Motor und Instrumenten. Kontakt über: www.airdromeairplanes.com

Text und Fotos: Heiko Link

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