Das etwas andere „Hostel“
Seit Januar 09 ist Stockholm um eine Attraktion reicher, genauer gesagt der Flughafen der schwedischen Hauptstadt. Dort gibt es nämlich seit damals die Möglichkeit, in einem ausgemusterten Jumbo Jet zu übernachten bzw. Tagungen abzuhalten. Patrick Radosta hat diesen Jumbo Jet der etwas anderen Art für AirMotion besucht.
Reisende, die am Flughafen Arlanda in Stockholm ankommen und vor dem Terminal 2 auf ihren Bus warten, sehen rechter Hand ein seltsam anmutendes Flugzeug ohne Triebwerke.
Luftfahrtenthusiasten aus aller Welt wissen natürlich längst, was es mit dieser 747-200 auf sich hat und unbedarfte Reisende erhalten am Informationsschalter des Flughafens die Antwort auf ihre fragenden Blicke – es handelt sich um ein wohl weltweit einzigartiges Projekt, das so genannte „Jumbo Hostel“.
Das Leben der Maschine als Airliner
Doch der Reihe nach: Gebaut wurde die Maschine im Frühjahr 1976 als Boeing 747-212B für Singapore Airlines, wo sie das Kennzeichen 9V-SQE erhielt und bis 1983 im Dienst stand.
Ab Juni 1984 flog die Maschine unter dem klingenden Namen „Clipper Belle of the Sky“ für die amerikanische Pan Am und ab 1991 war sie unter anderem für Air Club Intertional, Garuda Indonesia und Tower Air im Einsatz.
Im Januar 2002 übernahm die im Jahr 2000 gegründete schwedische Transjet Airways neben zwei weiteren 747 auch dieses Flugzeug und setzte sie bis zur Auflösung dieser Fluggesellschaft im November 2002 im Charterverkehr ein. Der Jumbo war die nächsten Jahre auf dem Flughafen Arlanda in Stockholm Arlanda abgestellt, und niemand wusste so recht, was mit dem Flugzeug geschehen sollte.
Die Geburt des Jumbo Hostels
Im Jahr 2006 erfuhr der schwedische Hotelbetreiber Oscar Diös von der zum Verkauf stehenden 747 und nutzte seine Chance, wie er erzählt: „Ich betrieb bereits zwei Hostels und ein Hotel in Uppsala, rund 35 Kilometer nördlich von Arlanda. Wir hatten häufig Gäste, die nur deshalb zu uns kamen, weil es in der Nähe des Flughafens Arlanda kein günstiges Hostel gab. Was lag also näher, als ein Hostel direkt am Flughafen in einem Flugzeug unterzubringen?“
Diös kaufte den Flieger – den Kaufpreis möchte er nicht nennen - und im Dezember 2007 erteilten die Behörden die erforderlichen Genehmigungen zur Errichtung des „Jumbo Hostels“ auf dem Gelände des Flughafens. So konnte im Januar 2008 mit dem ersten Teil der Umbauarbeiten begonnen werden:
„Wir haben die gesamte Einrichtung, 450 Sitzplätze, Galleys, etc…ausgebaut und das gesamte Flugzeug gründlichst gereinigt.“, so Diös. Anschließend wurden neue Teppiche verlegt, Sanitärreinrichtungen eingebaut sowie die einzelnen Zimmer errichtet und ausgestattet. Insgesamt verschlang die Umrüstung der 747 vom Passagierflugzeug zum Hostel rund 2,5 Millionen Euro.
Die Eröffnung
Am 15. Januar 2009 war es schließlich soweit – das weltweit wohl einzige Flughafenhotel, das in einem richtigen Flugzeug untergebracht ist, wurde eröffnet. Und der Aufwand hat sich gelohnt - die Liebe zum Detail zeigt sich unter anderem in Bildern aus dem aktiven Leben der Maschine als Airliner, welche die Wände schmücken.
Das Hostel verfügt über 25 Mehrbettzimmer sowie eine Cockpitsuite und bietet insgesamt 85 Passagieren, pardon, Hotelgästen, Platz. Alle Zimmernummern beginnen mit der Zahl „7“ - in Anlehnung an die Namensgebung der Flugzeuge des Herstellers Boeing - 707, 727, 737, etc.
Die Preise
Am günstigsten nächtigt, wer sich einen Raum mit bis zu 3 anderen Personen teilt - dies schlägt in etwa mit 350 Kronen, rund 30 Euro, zu Buche.
Weltweit einzigartig – Übernachtung im Jumbo Cockpit
Am tiefsten muss man für die Cockpitsuite in die Tasche greifen – derzeit 3.300 Kronen, knapp 300 Euro kostet es, dort zu nächtigen, wo einst Kapitän, Copilot und Flugingenieur ihren Arbeitsplatz hatten. Sie bietet zwei Personen Platz, verfügt wie alle anderen Räume über TV und kostenloses WLAN, außerdem jedoch als einziges Zimmer über ein eigenes WC samt Dusche. Das Flair der Cockpitsuite und der Blick aus dem Fenster direkt auf das Vorfeld suchen ihresgleichen.
Hinter dem Cockpit, dort wo einst Passagiere in der Business Klasse reisten, wurde ein Besprechungsraum eingerichtet, der für 1.600 Kronen (rund 150 Euro) pro Tag gemietet werden kann. Im Bug der umgebauten 747 präsentiert sich eine Art „Lounge“ Gästen und Besuchern im Look der 1970er Jahre. Hier werden das Frühstück sowie Snacks und Getränke eingenommen. In diesem Bereich, neben der klassischen Wendeltreppe, die zum Oberdeck führt, befindet sich auch die Rezeption, die rund um die Uhr besetzt ist. Das Personal – natürlich in stilechter Flugbegleiteruniform - spricht Schwedisch sowie ausgezeichnetes Englisch.
Wie eingangs erwähnt, fehlen der 747 derzeit ihre Triebwerke. Laut Oscar Diös befinden sich diese gegenwärtig in Uppsala und sollen anschließend wieder montiert werden. „Eventuell werden wir sie zu Zweibettkabinen umbauen, in denen die Gäste dann ebenfalls übernachten können.“
Die Zukunft
Für 2009, das erste Betriebsjahr, rechnet man im Jumbo Hostel mit rund 10.000 Nächtigungen. Mit dem Break Even rechnet Diös im Jahr 2014.
Resumé
Das Jumbo Hostel ist eine einmalige Gelegenheit, ein Flugzeug, mehr noch, einen wahren Klassiker der Luftfahrt, welcher den Luftverkehr revolutioniert hat, von innen und außen ausführlich zu besichtigen, anzufassen und seine nahezu unglaublichen Dimensionen im wahrsten Sinne des Wortes begreiflich zu machen.
Eine solche Möglichkeit ist extrem selten. Nicht nur, weil dem Durchschnittspassagier während seiner Flugreise die meisten Bereiche des Flugzeuges gar nicht zugänglich sind, sondern auch deshalb, weil die Boeing 747 in ihren klassischen Versionen kaum noch im Passagierverkehr eingesetzt wird.
So war auch für den flug- und reiseerfahrenen Autor dieser Zeilen der Besuch im Jumbo Hostel mehr als beeindruckend und möglicherweise wird er bei einem seiner nächsten Aufenthalte in Stockholm genau deshalb die erste Nacht in der Cockpitsuite verbringen und von jenen Zeiten träumen, in denen exakt dieses Flugzeug auf den Flughäfen der Welt zu Gast war. Von Zeiten, die bedauerlicherweise nie mehr wiederkehren werden.
Text und Fotos: Patrick Radosta
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