Ein Flug in der Tante Ju
Die Ju 52 war der „Airbus“ der 30er Jahre. Ein Flug mit ihr ist heute etwas Besonderes und Seltenes – aus diesem Grund möchte AirMotion seine Leser in eine Zeit zurückversetzen, in der Flugreisen ein Abenteuer und noch nicht von Hektik und überzogenen Sicherheitsmaßnahmen geprägt waren.
Das Reisen in den frühen Tagen der Luftfahrt war nicht mit dem der heutigen Zeit vergleichbar. Es ging gemächlich zu bei einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von gerade einmal 150-180 km/h in 1.000 bis 3.000 Metern Flughöhe – zum Vergleich: moderne Düsenjets wie der A 320 erreichen 800 bis 900 Stundenkilometer in rund 10 Kilometern Höhe!
Die Passagiere wurden im kleinen Kreis abgefertigt – riesige Terminals wie heute waren unbekannt - dann ging es direkt hinaus aufs Vorfeld, wo die Flugzeuge abgestellt waren.
Vor den Fluggästen hatte bereits die Besatzung, bestehend aus Flugzeugführer, Hilfsflugzeugführer und Bordmechaniker in der Kanzel Platz benommen.
Bedingt dadurch, dass die Ju 52, wie die meisten Flugzeuge der damaligen Zeit, ein Spornradflugzeug ist, mussten sowohl die Crew als auch die Passagiere, die Kabine im wahrsten Sinne des Wortes erklimmen um nach vorne ins Cockpit, bzw. zu ihren Sitzen, zu gelangen.
Nachdem nun die Reisenden in der engen Kabine Platz genommen, ihr Handgepäck in den Netzen über ihren Sitzen verstaut haben, und die Einstiegstüre geschlossen worden ist, beginnt die mitreisende Stewardess über die Sicherheitsvorschriften und – damals noch viel wichtiger als heute – über den korrekten Gebrauch der Spucktüten zu informieren. Da man bei der Ju 52 die Fenster teilweise öffnen kann, werden die Passagiere auch darüber informiert, dass es nicht die „feine englische Art“ sei, die benutzten Spucktüten einfach aus dem Fenster zu werfen und gebeten, diese – im Fall des Falles - doch nach der Landung fachgerecht zu entsorgen.
Vorbereitungen auf den Flug
Währenddessen bereitet sich die fliegerische Crew – mit Fliegerhaube und Lederjacke in ihrem Bewegungs- und Sichtfeld eingeschränkt - darauf vor, die Motoren anzulassen. Ein Vorgang, der ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl erfordert.
Die Kolbenmotoren werden nacheinander angelassen – dazu müssen Gemischregler (auch als „Höhengasregler“ bezeichnet), Gashebel, Kraftstoffventil und Zündmagneten in die richtigen Stellungen gebracht werden.
Wurde alles korrekt eingestellt, erwacht der erste Motor mit einem lauten Husten zum Leben. Danach übernimmt der Bordmechaniker, der hinter den beiden Piloten auf einem Klappsitz, seinen Arbeitsplatz hat, die Feineinstellung der Leistungs- und Gemischregler, bis der Motor “rund” läuft. Der gleiche Vorgang wiederholt sich so lange, bis alle 3 Motoren sonor vor sich hinbrummen. Nun ist der Geräuschpegel in der Kabine so hoch, dass man sich kaum noch verständigen kann. Das Flugzeug vibriert unter dem Dröhnen der Triebwerke.
Besonders laut ist es im Cockpit, weshalb die Besatzung schwere, in ihre Lederhauben eingearbeitete, Kopfhörer trägt.
Gestartet und gelandet wird seit jeher gegen den Wind, wobei man es in den 1930er Jahren wesentlich leichter hatte als heute. Denn damals gab es keine festen Pisten aus Asphalt, sondern der gesamte Flugplatz bestand aus einer einzigen Grasfläche. Zur Bestimmung der Windrichtung gab es einen Rauchofen oder Windsack.
Nun rollt die Tante Ju zum Start. Noch einmal werden wichtige Triebwerksparameter wie Öldruck, Öltemperatur, Zylinderkopftemperatur, der Kraftstoffvorrat - die Junkers Ju 52 hat dafür eigene Anzeigen direkt an den Motoren - und die Drehzahl der Triebwerke überprüft.
Anschließend fährt der Bordmechaniker mittels eines großen Handrades die Landeklappen in Startstellung – schweißtreibende Knochenarbeit, fernab jedes „Knöpfchendrückens“!
Jetzt schiebt der Flugzeugführer die Gashebel behutsam nach vorne, bis die Startleistung erreicht ist. Der Geräuschpegel nimmt weiter zu, das gesamte Flugzeug vibriert, die Motoren donnern!
Bei ca. 90 km/h hebt sich das Heck und das Seitenleitwerk wird angeströmt. Mit rund 120 km/h hebt die Ju nach einem kräftigen Zug am Steuerhorn ab und steigt in das Blau des Himmels. Einen Autopiloten gibt es nicht, die 10 Tonnen schwere Maschine will von Hand geflogen werden, und das zeigt sie den Piloten auch. Im Steigflug wird ausgetrimmt, der Bordmechaniker fährt mittels Handrad die Klappen kontinuierlich ein. Der Kontakt mit der Flugsicherung wird aufgenommen, die Leistung der Motoren auf „Steigleistung“ eingestellt, das Benzin-Luftgemisch im Vergaser will angepasst werden, während gleichzeitig die Triebwerksparameter ständig weiter überwacht werden müssen. Natürlich wird auch der Luftraum aufmerksam beobachtet.
Diese Sicht nach außen war besonders wichtig, denn die Flüge wurden damals Zeit noch unter Sichtflugbedingungen durchgeführt, Wolken und Vereisung waren gefürchtete, oft todbringende, Feinde der Piloten. Zur Landung drücken die Flugzeugführer die Steuersäule etwas noch vorne, um den Sinkflug einzuleiten, während der Bordmechaniker die Leistung der Triebwerke anpasst und das Flugzeug für den Sinkflug austrimmt.
In den Endanflug geht es mit ca. 125 km/h, kurz vor dem Aufsetzen heißt es für die Flugzeugführer noch einmal kräftig an der Steuersäule ziehen, um die Maschine abzufangen. Danach setzt die “Tante Ju” sanft auf und rollt auf dem Landefeld aus.
Reisen wie früher
Traditionsgemäß wird nun links vorne neben der Pilotenkanzel die Flagge gehisst, während die Passagiere das Flugzeug verlassen. Diese Art zu reisen ist für den heutigen, gestressten, von Sicherheitskontrollen und Flüssigkeitsverboten genervten Passagier, kaum vorstellbar und doch noch möglich!
Denn von rund 5.000 gebauten Ju 52 existieren derzeit weltweit noch 8 flugfähige Exemplare, von denen 6 für Passagierflüge zur Verfügung stehen. Vier davon sind in der Schweiz stationiert und werden von Ju Air betrieben, eine weitere gehört der Deutschen Lufthansa Berlin Stiftung und ist auch regelmäßig in Österreich zu Besuch.
Jedem Leser von Airmotion sei ein solcher Flug wärmstens empfohlen – lassen Sie sich zurückversetzen in die großen Tage der Luftfahrt, als man das Reisen noch mit Muße genießen konnte, fernab jeder Hektik. Ein Flug mit der Tante Ju ist Ihr Ticket zurück in diese Zeit!
Text: Patrick Radosta
Fotos: Archiv & Patrick Radosta
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