Tibet – Das große Gebet
Tibet im geographischen Sinn ist mit ca. 2,3 Millionen km² das größte und mit einer durchschnittlichen Höhe von 4500 m das extremste Hochland der Erde. Die wenigen dort beheimateten Menschen leben meist von Viehzucht. Ackerbau ist nur in den tiefer gelegenen Tallandschaften möglich. Abgeschlossen durch die höchsten Berge der Welt und durch politische Verbote, hat das „Dach der Welt“ wie kein anderes Land die Fantasie der Menschen angeregt.
Generationen von Reisenden versuchten unter heute unvorstellbaren Bedingungen und Entbehrungen die eisgepanzerten Himalayapässe zu überschreiten und das „verbotene Land“ und die geheimnisvolle Hauptstadt Lhasa zu erreichen.
Der Buddhismus bestimmte seit 1300 Jahren das gesamte Leben der Menschen von der Geburt bis zum Tod, ja sogar über den Tod hinaus. Mehr als 10% der männlichen Bevölkerung waren Mönche.
Nach den Terrorjahren der Kulturrevolution, in der alles Religiöse ausgelöscht und tausende Tempel zerstört wurden, begann in den 80er Jahren in Tibet eine Liberalisierung und damit eine kulturelle Renaissance und ein Wiedererstehen traditioneller Bräuche. Seither dürfen auch Ausländer in das „verbotene“ Lhasa. Doch die Stadt hat sich in beängstigendem Tempo verändert. Betonhochhäuser säumen die schnurgeraden, mehrspurigen Straßen, überall moderne Hotel, Restaurants, Karaoke-Bars. Heinrich Harrer würde das „Traumziel“ Lhasa, das erst 1661, eineinhalb Jahrhunderte nach der Entdeckung Amerikas von einem Europäer betreten wurde, nicht mehr erkennen.
Wer heute nach Tibet reist, kommt meist enttäuscht zurück. Er hat zwar in sehr guten Hotels gewohnt, gut gegessen, ist vielleicht mit der höchsten Eisenbahn der Welt gefahren, hat aber nichts von der Gläubigkeit, dem Geheimnisvollen erlebt, das er gesucht hat.
Nur bei Festen bekommt man noch eine Ahnung vom „alten Tibet“, das man aus Büchern von Harrer, Aufschnaiter oder Sven Hedin kennt. Feste werden vor allem zum Neujahr im Februar und zu Buddhas Geburtstag im Mai gefeiert. Dazu kommen die Reiterfeste der Nomaden im Sommer. Das Datum der Feste bringt schon das erste Problem für den Reisenden. Festtermine werden nach dem tibetischen Mondkalender festgelegt und der ändert sich gegenüber dem unsrigen. Ein gut informierter Ansprechpartner ist daher unbedingt notwendig!
Am beeindruckendsten ist sicher Monlam, das „große Gebet“ im ersten tibetischen Monat, unserem Februar, in der ehemaligen Nordostprovinz Amdo, heute Qinghai. Hier auf den weiten, unwirtlichen Grasflächen, doppelt so groß wie Deutschland, aber nur von 5 Millionen Menschen bewohnt, leben vor allem tibetische Nomaden mit ihren Yak-, Schaf- und Ziegenherden. Hier wird das Fest unter großer Anteilnahme der Bevölkerung und mit aller Prachtentfaltung, von der die Bücher aus den 30er und 40er Jahren berichten, begangen.
Die stolzen Nomaden zeigen sich in ihren schweren, mit Fellen verbrämten Nomadenmänteln, Chubas genannt, immer ein Messer im Gürtel. Die Frauen tragen noch ihren Türkis-, Korallen- und Amberschmuck. Über allem der typische Geruch, eine Mischung aus Rauch, ranziger Butter und menschlichen Ausdünstungen Monlam in Labrang, Tongren, Langmusi oder Aba bedeutet einmalige Atmosphäre und Gläubigkeit, die alles bisher in Tibet Erlebte weit übertrifft.
Der Tag des großen Bildes
Nur einmal im Jahr, am 13. Tag des Monlam, des Neujahrsfestes, wird das große Thanka, das größte religiöse Rollbild des Klosters Labrang, für wenige Stunden gezeigt. Das lange Warten hat sich gelohnt. Plötzlich, ohne jede Ankündigung, ertönen Trommeln, Tschinellen, Knochentrompeten und Posaunen. Aus dem Klostergebäude quellen Mönche in ihren roten Kutten. Vorneweg die Musik und Novizen mit gelben Ehrenschirmen, bunten Bannern und qualmenden Räuchergefäßen. Auf den Schultern der Mönche ein etwa 30 m langes, in weiße Baumwolle gehülltes Rollgemälde, ein Thanka. Wie eine lange Schlange windet sich das Stoffbild durch die engen Gassen der Klosterstadt. Die Gläubigen entblößen ihre Häupter, falten die Hände, drängen nach vorne. Sie versuchen beim Transport zu helfen oder das Thanka wenigstens zu berühren. Das viele Zentner schwere Rollbild zu tragen, bringt Segen.
Nach einer kurzen Prozession beinahe im Laufschritt ist der Festplatz erreicht. Das Thanka wird auf einen steilen, mit Steinen ausgelegten Hügel geschleppt. Dann erscheint unter einem gelben Schirm das Oberhaupt des Klosters Labrang, Jamyang Rinpoche, die 6. Wiedergeburt des Klostergründers. Ein lebender Buddha, einer, der nach seinem Tod auf das Eingehen ins Nirvana verzichtet hat, um wiedergeboren zu werden und anderen den Weg zur Erlösung zu weisen.
Nun wird die Verschnürung gelöst. Zuerst langsam, dann immer schneller rollt das riesige, 20 x 30 m große Bild nach unten. Zusammengesetzt aus zahllosen farbigen Seidenstücken erscheint Buddha, gütig lächelnd, ein Symbol der Liebe und des Mitgefühls mit allen. Ein Mönch singt mit einer Stimme, die aus der Tiefe der Erde und nicht aus einer menschlichen Brust zu kommen scheint, Bitten um Segen, um eine gute Ernte, um ein gutes Jahr.
Das ehrfürchtige Schweigen wird von Jubel abgelöst. Gebannt hängen die Augen der Menschen an dem riesigen Buddhabild. Wie auf Kommando werfen sie weiße Glücksschleifen, Katas genannt, auf das Rollbild, um ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Manche werfen sich angesichts des heiligen Bildes zu Boden. Dann ist kein Halten mehr. Hunderte drängen zum Thanka, wollen es mit der Stirn berühren, ein alter Brauch, mit dem Tibeter alles Verehrenswerte begrüßen.
Götter und Schutzgottheiten als Masken
Am Morgen des 14. Tages ruft das Dröhnen der Becken, Trommeln und langen Hörner die bunte Menge in den Hof des Klosters. Aus dem Tempeleingang drängen Tänzer in schweren, kostbaren Brokat-Gewändern mit einem Totenkopf auf der Brust und schwarzen, hohen Hüten mit einer Krempe aus Yakhaar. In den Händen halten sie einen Ritualdolch und eine Schädelschale. In langsamem, feierlichem Rhythmus umtanzen sie im Uhrzeigersinn den Festplatz und reinigen ihn mit ihren magischen Kräften von allen bösen Einflüssen. Trommeln und Becken begleiten die Tänzer.
Bei Klosterfesten im tibetischen Kulturraum treten Götter und Schutzgottheiten in der Person von Mönchen mit Masken auf. Die Mönche verwandeln sich nach tagelangen Meditations- und Gebetsübungen mit Hilfe von Masken, sorgfältig ausgeführten Tanzschritten und Ritualgegenständen äußerlich und innerlich in übernatürliche Wesen. Diese Maskentänze, Cham genannt, vermitteln seit Jahrhunderten geschichtliche Ereignisse und die Mysterien der Religion, denn der einfache Bauer und Nomade braucht solche Hilfen, um die abstrakte Lehre verstehen zu können. Im Vordergrund aller Tänze steht der Sieg des Guten über das Böse.
Erlösung bedeutet Vernichtung des Ego
Kultischer Höhepunkt jedes Klosterfestes ist die Opferung des Linga, einer kleinen menschlichen Figur, in die zuvor in langen Ritualen das Böse gebannt wurde. Furchterregende dunkelblaue und rote Masken mit aufgerissenem Mund, langen Reißzähnen, dem dritten Auge der Weisheit auf der Stirn und mit Totenschädelkronen umtanzen im "Donnerkeilschritt" lange die Figur. Die Kostüme wehen gespenstisch um die Figuren.
Immer schneller wird der Rhythmus, immer lauter, drängender die Musik, bis sich der stierköpfige Yamantaka aus dem Kreise löst, in rasendem Tanz Kopf und Oberkörper nach links und rechts, vorwärts und rückwärts dreht und wendet. Schließlich hackt er zum erlösenden Finale mit seinem langen Schwert die menschliche Figur in Stücke. Im Triumph drehen sich alle Figuren immer wieder im Kreise und umrunden den Platz.
Dann wird der große Opferkuchen mit den Resten der Teigfigur unter ohrenbetäubendem Lärm von Knallkörpern und Böllern auf einem nahe gelegenen Acker verbrannt. Jubel bricht aus. Mit dem Feuer entlädt sich die Spannung. Nun sind die Menschen von bösen Kräften befreit, einem glücklichen neuen Jahr steht nichts mehr im Wege.
Das Butterfest
Der 15. Tag, die erste Vollmondnacht nach Neujahr, heißt Butterfest. Wochenlang waren Mönche damit beschäftigt, aus gefärbter Yakbutter Ornamente und Figuren aus dem reichen buddhistischen Pantheon herzustellen. Die kunstvollen, bis zu 5 m hohen Gebilde werden an Gerüsten befestigt und am Abend des 15. Tages für eine einzige Nacht ausgestellt. In langen Scharen ziehen Mönche und Gläubige vorbei, um Segen und Trost mitzunehmen für ein weiteres Jahr auf den weiten Hochebenen. Das Gedränge ist beängstigend. Nach Wochen der Einsamkeit genießen die Nomaden sichtlich die enge Tuchfühlung mit anderen. Mit Genuss wird gedrängt und gestoßen.
Ich fühle mich ins alte Tibet zurückversetzt, in ein Tibet, von dem ich dachte, dass es nur mehr in der Erinnerung und in Büchern existiert. Die Begeisterung und Gläubigkeit der Menschen hat sich nicht geändert. Es ist, als wäre die Zeit vor einem halben Jahrhundert stehen geblieben.
Für diejenigen, die nicht nur eine prestigeträchtige Destination abhaken wollen, sondern wirklich an Tibet interessiert sind, ist es daher wichtig, nicht ein Schnäppchen zu buchen, sondern gezielt nach Angeboten zu besonderen Festen oder Routen abseits der Touristenströme zu suchen.
Text und Fotos: Prof. Hans Först
Prof. Hans Först ist Reiseleiter, Autor und einer der besten Kenner des tibetischen Kulturkreises. Er hat Tibet bisher 51 Mal besucht. (Näheres unter: www.tibet-mit-prof-foerst.com oder www.joefartours.com)
Im Weishaupt-Verlag erschienen „Verbotene Königreiche im Himalaya“, der Reiseführer „Tibet“, „Tibet – Mythos und Wirklichkeit“ mit einem Vorwort des Dalai Lama und „Tibet – Feste und Zeremonien“.
Als erstes Werk widmet sich das Buch „Tibet – Feste und Zeremonien“ von Prof. Hans Först ausschließlich Festen und Zeremonien als Ausdruck tibetischer Kultur und gewährt so Einblick in die fremde, geheimnisvolle und faszinierende Welt des tibetischen Buddhismus.
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